Ein
zentraler Begriff für unsere Art zu inszenieren ist die Aktion. An
einem Wendepunkt im Stück passiert etwas Überraschendes, das
dem Geschehen eine zusätzliche/ neue Ausrichtung gibt und den Fortgang
der Handlung ändert. Beispiel: Zwei streiten sich um eine Münze,
die sie gleichzeitig auf der Straße entdeckt haben, solange, bis
einer die Münze nimmt, in den Mund steckt und herunterschluckt.
Natürlich
kann eine Aktion nicht nur durch Schauspieler, sondern auch durch einen
Lichteffekt, ein Requisit, ein Geräusch etc. stattfinden. Kurz
gesagt: die Schauspieler bewegen sich in unseren Inszenierungen nicht
nach dem alten Motto „gehen, stehen, sprechen“ durchs Stück,
bei uns passiert was! Die Inszenierung mit Hilfe einer Kette von schlüssigen
Aktionen ist für uns ein hervorragendes Werkzeug, den leitmotivischen
Kern mit den Mitteln des Theaters sichtbar zu machen und das reine Sprechtheater
zu überschreiten.
Theater
kann aus Bruchstücken ein Bild zusammensetzen. Das Übermaß
an beliebigen Eindrücken wird zu einer fixierbaren Momentaufnahme,
dennoch bleibt dem Betrachter die Freiheit des schweifenden Auges. Eine
gut erzählte Geschichte berührt, unterhält, und inspiriert,
vielleicht zu einem beschwingten Abend, vielleicht zu einer Veränderung.
Als
exemplarisch für unser Verständnis für Regie möchten
wir Ihnen gerne unsere Inszenierung von „Ihr Lieben, viel zu weit
Entfernten“ von C. Frühauf vorstellen (Premiere Theater Pforzheim,
2003, Louise: Tanja Thomsen)
Das
Stück handelt von der 17jährigen Louise, die von der Gestapo
interniert wird, weil sie Jüdin ist. Aus der Gefangenschaft schreibt
sie Briefe an ihre Familie und ihre Freunde, die von der Drangsal im
Lager, von Hunger, Schikanen und Zwangsarbeit, aber auch von den ganz
normalen Träume und Sehnsüchten eines Teenagers erzählen.
Louise wurde 1943 in Auschwitz vergast. Ihre Briefe wurden von ihrer
Schwester Nadia Kaluski-Jacobson veröffentlicht und von C. Frühauf
als Theaterstück dramatisch arrangiert.
Der
Kern der Geschichte springt einem förmlich entgegen: am Schicksal
dieses Mädchens anschaulich zu machen, was ein totalitäres
Unrechtsregime bedeutet. Was dabei herauskommt, wenn jemand willkürlich
als „anders“ deklariert wird und dies als Berechtigung herhalten
soll, um ihm seiner Menschenrechte zu berauben.
Die
Aufführungen sollten mobil im Klassenzimmer stattfinden. Damit
steht natürlich nicht der übliche Theaterapparat zur Verfügung,
aber es kann eine Nähe zum Publikum geschaffen werden, die die
Atmosphäre dramatisch verdichtet. Das Bühnenbild bildet deshalb
eine Halbarena in der Form eines Rechtecks. An drei Seiten sitzen die
Zuschauer, erhöht auf ihren Schulbänken, und bilden gleichsam
die Mauer des Gefängnisses. Zu Beginn des Stückes markiert
Louise sich mit Kreide einen inneren Kreis, ihr Versuch, einen privaten,
geschützten Bereich zu installieren, in dem sie laut denken darf.
Im Verlauf des Stückes wird dieser immer kleiner werden, bis sie
gerade noch darin stehen kann.
Der
epische Charakter der Vorlage, die Briefform, legt nahe, das Stück
als eine Art szenische Lesung zu inszenieren. Doch das griff uns zu
kurz. Das Motiv, das bereits das Bühnenbild aufgreift, scheint
uns zentral auch für die Deutung von Louises Briefen: Sie versucht,
einen Schutzwall aufzubauen: sie schildert das Lagerleben so, wie es
ihr noch erträglich scheint. Ein Vorgehen, das sicherlich vordergründig
der mit Repressalien verbundenen Zensur geschuldet ist, auf einer tieferen
Ebene jedoch ihre Freunde und ihre Familie, die Adressaten der Briefe,
vor noch mehr Kummer und Sorgen bewahren will. Vor allem aber schützt
sich Louise damit auch selber davor, aufzugeben und in Hoffnungslosigkeit
zu versinken. Fast schon leitmotivisch beschwört sie in ihren Briefen
die Möglichkeit, dass „alles noch gut“ wird, versucht
gar, die Unerträglichkeiten des Internierungslagers mit Humor in
Schach zu halten: „Das Essen ist sehr abwechslungsreich: Kohl,
Kohl und noch mal Kohl.“ Louise verschleiert die Realität
des Lagerlebens bewusst vor sich selbst und ihren Lieben in beschönigender
Weise, um nicht zu verzweifeln. Deshalb waren wir für jeden Brief,
für jede Szene auf der Suche nach einer Möglichkeit, die brutale
„Wirklichkeit“ hinter dem Wortlaut des Geschriebenen durch
Aktionen offen zu legen, oder doch zumindest anzudeuten.
Ein
Beispiel:
Im
11. Brief erzählt Louise vom Erhalt eines Päckchens und ihrer
Freude über die Köstlichkeiten darin: „Da ist ein Päckchen
für mich angekommen von Nadia und Charlot. Ganz viele leckere Sachen
…. Der Honig schmeckt ausgezeichnet und als ich die Rosenpastillen
gelutscht habe, kamen mir die Tränen …. Morgen ist der 31.
Dezember und ich werde ganz brav sein. Ich werde mich mit einem guten
Essen begnügen, ich habe ja die Päckchen, dann werde ich mich
gemütlich mit den anderen unterhalten, ins Bett gehen und von euch
träumen.“
Das
Päckchen, dass die hungernde Louise in der Inszenierung bekam,
war zerrissen und bis auf einen kleinen Rest Schokolade leer geplündert.
Während die Darstellerin also von den wunderbaren Sachen und Leckereien
spricht, spielt sie einen Bogen, der sich von der freudigen Überraschung
beim Eintreffen des Pakets über das Erkennen des Diebstahls hin
zu bitterer Enttäuschung spannt. Zuletzt versucht sie, sich ihren
Lieben gegenüber nichts anmerken zu lassen und sich selbst an dem
Gedanken aufzubauen, dass ihre Familie versucht, ihr so gut wie möglich
beizustehen.
Je
weiter das Stück voranschreitet, je massiver die Repressalien im
Lager werden, desto schwerer wird es für Louise, die Hoffnung nicht
aufzugeben und die Fassade, die sie selbst und ihre Familie schützt,
aufrecht zu erhalten. Als sie in ihrem letzten Brief von der anstehenden
Deportation nach Auschwitz berichtet, ist ihr geschützter Bereich
bis auf den Boden unter ihren Füßen geschrumpft. Dennoch
bewahrt sie den Glauben an eine Zukunft: „Nach Tante Rahel komme
jetzt ich dran. Aber … aber das macht nichts. Ich bin zuversichtlich,
wie alle hier. Mach Dir bitte keine Sorgen.“
Am
Ende des Stückes wird ihr Anblick mittels eines Lichteffektes von
Sand verschüttet.
Das
Mädchen Louise hält vor dieser Folie der Entrechtung und des
Schreckens mit ihrer Hoffnung bis zum Schluss stand, obwohl –
wie jeder im Publikum weiß - es keine Chance gibt.
Ein
Schicksal - konkret erzählt - bringt die Infamie des Naziterrors
ans Licht.
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